"Schule gestalten - um Leben zu gestalten" - Festakt nach 100 Jahren

(Aus einer Pressemitteilung der Diakonie Neuendettelsau - verfasst von Susanne Büttner)

„Schule gestalten ist ein Teil, vielleicht eine wichtige Voraussetzung oder ein wichtiger erster Schritt um Leben zu gestalten. Diese Kompetenzaussage der Diakonie Neuendettelsau passt sehr gut zu unserem heutigen Auftrag, wie auch zu unseren Wurzeln.“ Mit diesen Worten eröffnete Pfarrer Erwin Meister, Abteilungsdirektor der Direktion Jugend und Schule der Diakonie Neuendettelsau, am 2. Mai die Feier zum 100jährigen Jubiläum des Zentralschulhauses der Diakonie Neuendettelsau.


Schulhaus bei der Einweihung


Die Wurzeln des heutigen Schulhauses wurden schon vor der feierlichen Einweihung am 1. September 1903 gelegt, denn das gesamte Schulwesen war anfangs im Mutterhaus der Diakonissenanstalt untergebracht. Erst als die Zahl der Schülerinnen immer mehr anwuchs, wurde auf Betreiben des damaligen Rektors Hermann von Bezzel der Neubau des Schulhauses ins Auge gefasst. Bereits ein Jahr nach der Eröffnung lebten und lernten rund 800 Mädchen im neuen Schulhaus.


Schulhaus 2003


Seit den ersten Tagen vor 100 Jahren hat sich das Aussehen des Schulhauses durch etliche Baumaßnahmen grundlegend verändert; das Gebäude ist nicht nur größer geworden, auch die Fassade hat ein ganz neues Gesicht bekommen: früher war sie verziert, heute kennzeichnet sie sich durch klare Linien. Die Veränderungen sind aber nicht nur äußerlich, sondern auch in der Struktur der Schule zu erkennen, nicht zuletzt weil seit den 70er Jahren auch das männliche Geschlecht die „Höhere Töchterschule“ besuchen darf.

Das Zentralschulhaus bildet heute mit seinen umliegenden Gebäuden das Laurentius-Schulzentrum und beherbergt die Realschule, das Gymnasium, die Fachoberschule für Sozialwesen, die hauswirtschaftlichen beruflichen Schulen und die Fachakademie für Sozialpädagogik. Insgesamt besuchen 3700 Schülerinnen und Schüler die Schulen der Diakonie Neuendettelsau. Die Schulen und Ausbildungsstätten seien neben der Arbeit in den verschiedenen Einrichtungen ein wichtiger und großer Arbeitsbereich der Diakonie Neuendettelsau, so Rektor Hermann Schoenauer, Leiter der Diakonie, in seiner Ansprache zur Jubiläumsfeier. Auch in Zukunft sei ein Schwerpunkt der Arbeit der Diakonie der Aufbau von Schulen, auch über die Grenzen Deutschlands hinaus. Mittlerweile führt die Diakonie mehrere Schulen im Ausland: im rumänischen Sibiu/Hermannstadt und in Olsztyn/Allenstein in Polen. Neben zahlreichen Grußrednern aus Kirche und Politik, hielt Oberkirchenrat Dr. Jürgen Frank vom Kirchenamt der Evangelischen Kirche Deutschlands, mit humoristischem Unterton den Festvortrag über die Situation im Schulwesen. Als den „Kampf um die besten Plätze an der Sonne“, bezeichnete er den Leistungsdruck, der schon im Kindergarten anfängt, umso unverzichtbarer seien die evangelischen Schulen für Kirche und Gesellschaft, bei denen es nicht allein um die Vermittlung des Wissens gehe.

Umrahmt wurde die Feier durch Musik und Tanz der Schüler.


Zeittafel zur Geschichte des Schulhauses

(von Gotthard Kemmether - Abiturient 2002)

6. Dezember 1898 Referat Konrektor Schattenmann über die Notwendigkeit eines Schulhausneubaues
10. Januar 1902 Abstecken des Grundrisses durch Architekt Georg Heim (Nürnberg)
9. Mai 1902 Feierliche Grundsteinlegung
2. Oktober 1902 Richtfest
1. September 1903 Einweihung des Schulhauses
Sommer 1925 Aufstockung des Turn- und Festsaals
1. Juli 1928 Fest zum 25jährigen Jubiläum des Schulhauses
6. März 1933 Übergabe des Altars „Die Wunderblume“ von Rudolf Schäfer für den Festsaal
Herbst 1939 Westhälfte des Schulhauses wird Lazarett, Errichtung der Barriere
10. Juli 1943 Schließung des Schulbetriebes durch den Staat, das gesamte Schulhaus ist Lazarett
Ende 1946 Rückgabe des Schulhauses an die Schulen durch die amerikanische Besatzung
1962 / 1963 Bau der Internatshöfe
August 1966 Ausbau der südlichen Dachmansarde des Hauptflügels
1967 – 1969 Innenrenovierung des Schulhauses, Aufstockung und Fassadenverkleidung in drei Bauabschnitten durch Architekt Franz Gürtner
1975 Umbau der Aula zu drei Klassenzimmern
1978 75jähriges Jubiläum des Zentralschulhauses
1989 Östlicher Anbau von Architekt Gürtner, 1.Bauabschnitt
1996 Östlicher Anbau, 2. Bauabschnit
1999 schrittweise farbige Neugestaltung des Schulhausinnern
2. Mai 2003 100jähriges Jubiläum des Zentralschulhauses


Bilder der Schule zu früherer Zeit:



Die Entwicklung des Neuendettelsauer Schulwesens in den ersten 50 Jahren

(Vortrag von Schw. Elisabeth Benkert beim Schulgemeindeabend am 20.3.1996)

Der Beginn des Neuendettelsau Schulwesens ist aufs engste mit der Gründung der Diakonissenanstalt durch Pfarrer Wilhelm Löhe verbunden.

Der Beginn des Neuendettelsau Schulwesens ist aufs engste mit der Gründung der Diakonissenanstalt durch Pfarrer Wilhelm Löhe verbunden. Bei seinen Hausbesuchen als Dorfpfarrer von Neuendettelsau begegnete er immer wieder Frauen, die eine natürliche Begabung zur Krankenpflege hatten und manchen alten und kranken Menschen in ihrer Umgebung helfen konnten. Auf der anderen Seite fand er in den Familien Töchter, die keinen rechten Lebensinhalt hatten. Und an eine Berufsausbildung war damals kaum zu denken. Diesen beiden Gruppen wollte Löhe eine Hilfe anbieten.

1853 schreibt er in seinen "Bedenken über weibliche Diakonie":

"Ausbildung der zum Dienst der leidenden Menschheit begabten Frauen ist je länger, je mehr eine Forderung an die Kirche ... Christliche Bildung des weiblichen Mittelstandes auf dem platten Lande ist ein pium desiderium".

Und Löhe denkt gleich weiter:

"Wie viele christliche Familien auf dem Lande würden froh sein, ihren Töchtern einen kurzen Aufenthalt in einer der weiblichen Natur so sehr zusagenden Anstalt zu ermöglichen, wo sie bestimmte Richtung zum Guten bekommen und so vieles lernen und üben können, was auch fürs gewöhnliche häusliche Leben von großem Wert ist ... Gerade damit gäbe eine solche Anstalt der mittleren Bevölkerung viel, zumal es in der menschlichen Natur liegt, daß man überhaupt und im allgemeinen gebildet wird, wenn man für eine Seite des christlichen Lebens recht gebildet wird. Es kann aber nichts geben, was sich für Frauenspersonen mehr zum Bildungsmittel eignete, als die Befähigung zum Dienste der leidenden Menschheit".

Es kam zur Gründung eines Vereins für weibliche Diakonie, und am 9. Mai 1854 wurde im Gasthaus zur Sonne der Anfang einer Bildungsanstalt gewagt. Zu den 7 Diakonissenschülerinnen kamen gleich 8 Hospitantinnen, und so ist hier eigentlich der Ursprung des Neuendettelsauer Schulwesens zu finden. Im 1.Jahresbericht der Anstalt sind die Namen der Schülerinnen verzeichnet, und dabei wird unterschieden zwischen "eigentlichen Diakonissenschülerinnen" und "Schülerinnen, welche den Curs zu ihrer weiblichen Ausbildung mitmachten, ohne als Diakonissinnen verwendet werden zu wollen".

Löhes Lehrplan ist noch in einem bescheidenen Büchlein erhalten. Er teilt darin den Unterricht ein in allgemeine Bildung und Berufsbildung. Zur allgemeinen Bildung gehört z.B. das richtige und geläufige Lesen, eine ordentliche Schrift, der gute Ausdruck der Gedanken in Briefen und Krankenberichten; dann natürlich Katechismusunterricht, Einführung in die Heilige Schrift und in das gottesdienstliche Leben.

Für die berufliche Bildung hat Löhe eine Stufenleiter entworfen, als deren krönende Spitze er die Gemeindediakonisse sieht. Da heißt es:

"Werde zu allererst eine Magd und lerne alle häuslichen Geschäfte vom geringsten bis zum schönsten vollkommen".

Weiter geht es mit der Betreuung von kleinen und größeren Kindern.

Auf der 4. Stufe kommt die Schule in den Blick:

"Hast du die Gabe, so laß dich zur Schullehrerin unterrichten und bilden; ruhe nicht, bis du das Deine getan hast, die Mädchenschule nicht aus der Hand des Pfarrers, denn den hat Gott zum Hirten gesetzt, aber des männlichen Schullehrers in weibliche Hand zu bringen."

Löhe dachte ursprünglich nicht daran, eine Schwesternschaft und ein Mutterhaus zu gründen. Er wollte nur junge Frauen ausbilden und sie dann zum Dienst in ihre Heimatgemeinden zurücksenden. Doch dafür war die damalige Zeit noch nicht reif. Im Oktober 1854 wurde das neuerbaute Diakonissenhaus bezogen. 1855 kamen die ersten jüngeren Schülerinnen, die noch nicht konfirmiert waren. So entstand die sogenannte Elementarschule oder "Kleine Schule", die zugleich ein Übungsfeld für die angehenden Lehrdiakonissen war. Eine Schultracht wurde eingeführt, die die einzelnen Gruppen nach den Bändchen kennzeichnete, die sie am schwarzen Sonntagskleid trugen: rot - erste Liebe zum Heiland; grün - Farbe der Hoffnung ("Diakonissenvorschule"); blau - Symbol der Treue und Beständigkeit (Diakonissenschule).

Es gab damals keinerlei staatliche Vorschriften für private Mädchenschulen, und so konnten Löhe und seine Mitarbeiter das Dettelsauer Schulwesen in großer Freiheit gestalten. Ich zitiere aus einem Bericht von 1867: "Da die Aufnahmsgesuche in den verschiedenen Semestern sehr verschieden sind, sowohl was die Zahl, als auch, was die Art und Weise der Aufzunehmenden, Alter, Bildung etc. anbetrifft, so kann bei uns von bestimmt abgegrenzten Klassen, von deren jeder ihre unabänderliche Leistung alle Jahre zu fordern ist, nicht die Rede sein. Die Abteilungen bilden sich je nach der Eigentümlichkeit der uns anvertrauten Schülerinnen, und eben nach derselben gestalten sich auch im einzelnen die Pensa jedes Semesters". So konnten z.B. die Schülerinnen je nach ihrer Begabung Fremdsprachen lernen oder Klavierunterricht nehmen.

Anläßlich einer Visitation wurde das Bildungs- und Erziehungsziel der Neuendettelsauer Schule so formuliert:

"Eine Dettelsauer Schülerin sollte bei ihrem Weggang:

1. eine gründliche Kenntnis des Weges zum ewigen Leben mit hinwegnehmen, sowie die schriftgemäßen Grundsätze eines christlichen Lebens;
2. ihr ganzes Verhalten (eingeschlossen äußere Erscheinung und Haltung) sollte Nr. 1 gemäß sein, - einfältig, wahrhaftig, lauter, schön;
3. ihre allgemeine Bildung (Handschrift, Orthographie, Ausdruck, Stil, Lesen) sollte wenig oder nichts zu wünschen übrig lassen;
4. ihr praktisches Geschick (Rechnen, Sinn für Formen, Farben etc.) sollte den Eindruck von etwas Ganzem geben;
5. sie sollte den Geist der Geschichte kennen und dadurch fähig sein, ihre Zeit und deren Bewegung fassen zu können;
6. ihre Liebe zur Natur (Botanik etc.) sollte durch Forschen gegründet und geregelt sein;
7. ihr Sinn für Form und Gestalt und Schönheit (Baukunst, Paramentik) sollte erzogen, ihr Geschmack gerichtet sein;
8. sie sollte einem Kinde Elementarunterricht geben können".


Mit Rektor Dr. Bezzel (1891-1909) erlebte unser Schulwesen einen großen Aufschwung. 1903 wurde das große Schulhaus eingeweiht, und die Rote und Grüne Schule zog aus dem Mutterhaus in das neue Gebäude um.

Unter Beibehaltung der alten Bezeichnungen "rot" und "grün" entwickelte sich eine höhere Mädchenschule, die in 6 Jahren zur Mittleren Reife führte. Bezzel war bestrebt, alle staatlichen Anforderungen an unser Schulwesen zu erfüllen.

Ein weiterer großer Fortschritt war die Eröffnung eines Lehrerinnenseminars 1902 und des Kindergärtnerinnenseminars 1906. Die Schularbeit hat sich über die Grenzen von Neuendettelsau hinaus erweitert: Hier sind das Handarbeitslehrerinnenseminar in Himmelkron und die Zeltnerschule in Nürnberg zu nennen.

Bei dieser Vergrößerung behielt Bezzel aber klar die Grundlage der Neuendettelsau Schularbeit im Blick. In seinem Abschiedswort 1909 sprach er es so aus:

"Neuendettelsau soll alles Moderne in Wissen und Bildung sich zu eigen zu machen suchen, dadurch aber und damit zeigen, daß es sich mit dem Erlebnis des Alten, weil Ewigen gar wohl verträgt".

Nun sind wir schon im 20. Jahrhundert angekommen, und ich darf kurz zusammenfassen:

Während des Ersten Weltkriegs und der Zeit danach konnte die Schularbeit trotz aller Schwierigkeiten stetig weitergeführt werden. Zum Abbruch kam es während des Dritten Reichs, als alle kirchliche Schularbeit vom damaligen NS-Staat zerschlagen wurde. Nur das Kindergärtnerinnenseminar konnte bis 1945 durchgerettet werden.

Nach dem Zweiten Weltkrieg begann der mühsame Wiederaufbau, herausgefordert durch die Not der Zeit. Ich nenne nur die Stichworte: Flüchtlingszustrom, Währungsreform, Schulreform. Hier muß vor allem an Schwester Marie Pißel erinnert werden, die mit zäher Energie Verhandlungen geführt und einen Schritt nach dem anderen getan hat.

Der Jahresbericht 1953 nennt bereits folgende Schularten:

  • Realgymnasium und Deutsches Gymnasium
  • Mittelschule Frauenfachschule
  • Kinderpflegerinnenschule
  • Kindergärtnerinnenseminar
  • Pädagogischer Lehrgang für Volksschullehrerinnen mit Seminarübungsschule
  • Hauswirtschaftliche Berufsschule

1954 wurde zum ersten Mal in Neuendettelsau das Abitur abgelegt.

Bei der großen Vielfalt unseres heutigen Schulwesens lassen sich noch einige Grundzüge der Anfangszeit entdecken:

Unsere allgemeinbildenden und berufsbildenden Schulen wollen Antwort geben auf die Herausforderungen der Zeit, sie wollen den einzelnen Schülern in ihrer Entwicklung helfen und in dem allen das Evangelium verkündigen.

Am Schluß soll noch ein Löhewort stehen:

"Was in der Furcht des Herrn beginnt, das ist wohl begonnen. Die Furcht des Herrn ist der Weisheit Anfang; sie legt der Herr in das Herz der Seinen bei all ihrem Tun".