„Och nö, nicht die Sch***. Ich will mein Geld zurück!“
Mit diesem frechen Ausruf beginnt ein Theaterabend, der sich gleich zu Beginn jeder ehrfürchtigen Faust-Verehrung verweigert. Stattdessen werfen Schauspielerinnen und Schauspieler aus dem Publikum Anklagen auf die Bühne und stellen damit das deutsche Kulturgut unverblümt infrage. Schnell wird deutlich: Faust – doppelt oder nichts ist keine klassische Neuinszenierung, sondern eine mutige, zeitgenössische Auseinandersetzung mit Goethes Stoff – frech, pointiert und mit Selbstironie.
„Doppelt oder nichts.“
Die berühmte Wette zwischen Gott und Teufel bildet erneut den Ausgangspunkt des Geschehens. Doch diesmal steht kein Gelehrter im Zentrum, sondern drei Jugendliche kurz vor dem Abitur: die ehrgeizige Christina (klug dargestellt von Clara), der sensible Benni (überzeugend von Cornelius gespielt) und der unangepasste Joe (stark: Sonea). Ihre unterschiedlichen Lebenswelten werden mit großer Spielfreude und bemerkenswerter Authentizität auf die Bühne gebracht: Leistungsdruck, familiäre Konflikte und soziale Ausgrenzung bilden den Nährboden für die Versuchungen, die folgen werden.
„Der Geist, der stets verneint.“
Mit diesen Worten stellt sich Femphisto vor – eine moderne, charismatische Verkörperung des Teufels, der diesmal in weiblicher und später auch männlicher Form erscheint. Die vielschichtige Figur verbindet Witz, Manipulation und Bedrohlichkeit und wird zum hintergründigen Motor der Handlung, den die Regie unter Theaterlehrkraft Engel in beiden Rollen höllisch gut in Szene zu setzen weiß. Den drei Jugendlichen bietet Femphisto (genial verköprtert von Lea) an, ihre Wünsche zu erfüllen. Die Verlockung ist groß, der Preis zunächst kaum sichtbar. Unterstützt von einer sehr modern inszenierten Hexe (herausragend ironisch gespielt von Asawer), die eher an eine zeitgenössische Dealerin erinnert als an eine klassische Figur, entfaltet sich eine ebenso komische wie düstere Versuchungsreise. Besonders beeindruckend ist dabei, wie die Inszenierung Motive und Sprachbilder des Originals bewahrt und zugleich in die Gegenwart überträgt.
„Rache ist ein Gericht, das am besten kalt serviert wird.“
Die neu gewonnenen Kräfte eröffnen den Jugendlichen ungeahnte Möglichkeiten. Eltern, Geschwister, MitschülerInnen – plötzlich können sie sich gegen all jene behaupten, die sie verletzt oder unterschätzt haben. Doch aus Selbstbehauptung wird zunehmend Selbstgerechtigkeit. Die Grenzen zwischen berechtigtem Widerstand und moralischem Absturz verschwimmen schnell und die Inszenierung zeichnet diesen Wandel mit bemerkenswerter Klarheit nach. In Simultanmontage, die die Bühne kinoreif zum Leben erweckt, stellt das Stück dar, wie schnell Opfer selbst zu Tätern werden.
„Merkt ihr denn nicht? Ihr verwandelt euch genau in die, die euch euer Leben lang gequält haben.“
Joe, von Sonea gerade im Minenspiel ausdrucksvoll dargestellt, ist der Einzige, der die Entwicklung erkennt und sich dem Teufel widersetzt. Während Christina und Benni immer tiefer in die Verlockungen von Macht und Einfluss geraten, bewahrt er seinen moralischen Kompass. Gerade dadurch wird er zur größten Herausforderung für Mephisto. Eindrucksvoll unterstrichen wird diese Zuspitzung durch starke Bilder und eine klug gewählte musikalische Begleitung. Besonders der irrwitzig-intensive Tanz Mephistos, geradezu wahnsinnig gut zu The Prodigy‘s Firestarter choreografiert von Jamie bleibt als verstörender und zugleich faszinierender Höhepunkt in Erinnerung.
„Gehen wir den einfachen Weg oder den schwierigen?“
Im Finale auf der Abiturfeier verdichtet sich der Konflikt. Ausgerechnet Joe hält die Abschlussrede und spricht über Verantwortung, Entscheidungen und die Versuchungen des Lebens. Währenddessen zerbrechen Freundschaften, alte Loyalitäten werden auf die Probe gestellt und die Wette nähert sich ihrem Ende, als der Teufel alle Masken fallen lässt:
„Es gibt genug Wege, wie ich deine Seele holen kann.“
Mit dieser Drohung erreicht das Stück seinen dramatischen Höhepunkt. Doch selbst in den dunkelsten Momenten verliert die Inszenierung nie an Geschwindigkeit, Tiefe, ihre in jeder Minute spürbare Spielfreude aller DarstellerInnen und den scharfen Blick auf das Innere im Menschen. Faust – doppelt oder nichts verbindet Komik und Tragik, bereits durch die Komplexität von Mimik, Tanz, Ironie, toller Bühnentechnik (Lob an das Team) und ganz viel Lebendigkeit: Klassische Motive und abgründige Lebenswirklichkeiten werden zu einem Theaterabend, der teuflisch gut unterhält, gezielt provoziert und als wilder Ritt im Gedächtnis bleibt – Goethe hätte an all der Leidenschaft seine wahre Freude gehabt.
C. Ruf
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